Archiv
16. November 2011 - Immer mehr Menschen kommen zur Tafel in Genthin
Junge, Alte, Singles und Familien - Armut ist ein Thema, das viele Menschen betreffen kann, und die Anzahl derer ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Das merken auch die Mitarbeiter der Genthiner Tafel bei ihrer täglichen Arbeit.
In den Nachrichten ist es immer wieder mal ein Thema: Die Armut in Deutschland nimmt zu. So richtig greifbar ist das für den normalen Bürger nicht, wenn er sich bei der Tagesschau dabei sein Abendbrot zubereitet. Für viele scheint das Thema weit weg zu sein. Doch es gibt Menschen, die bei ihrer täglichen Arbeit mit der steigenden Armut konfrontiert sind: zum Beispiel die Mitarbeiter der Tafel in Genthin. Sie treffen bei der Ausgabe Woche für Woche auf Menschen, bei denen das Geld so knapp ist, dass sie sich ein Abendbrot ohne Unterstützung manchmal nicht leisten könnten.
Dreimal pro Woche öffnet die Tafel ihre Türen für die Ausgabe von Lebensmitteln: Mittwochs für bedürftige Rentner, dienstags und freitags für alle anderen Bedürftigen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr, die das Angebot in Anspruch nehmen. "Im Moment sind es etwa 400 bis 500 Menschen, denen wir monatlich helfen", sagt Ulrich Geisheimer, Leiter der Genthiner Tafel.
Seit zehn Jahren gibt es die Tafelarbeit schon in der Kanalstadt. Kein schönes Jubiläum, wie Ulrich Geisheimer findet. "Besser wäre es, unsere Arbeit wäre nicht nötig", sagt er. Bürgermeister Wolfgang Bernicke (parteilos) hatte im Jahr 2001 ein ähnliches Projekt in der Partnerstadt Datteln kennengelernt und anschließend für Genthin eine Tafel-Arbeit angeregt. Mit dem Diakonischen Werk wurde schnell ein Träger gefunden, große Einkaufsmärkte in Genthin und ein Bäcker aus Jerichow als Unterstützer gewonnen.
Seitdem holen die Fahrzeuge des Diakonischen Werkes jede Woche Lebensmittel von dort ab. "Wir sind sehr dankbar, dass die Zusammenarbeit mit den Lebensmittelmärkten so gut funktioniert. Es ist ein großer logistischer Aufwand für sie", sagt Geisheimer. Mit einem großen Konzept sei er vor zehn Jahren jedoch nicht gestartet. "Das war 'learning by doing' - unser Konzept entstand beim Machen", sagt er heute dazu.
Bei dieser Arbeit geht es jedoch weniger um die Umsetzung eines Konzeptes, sondern vielmehr darum, die Not der Menschen zu lindern. "Wir versuchen zu helfen und zu unterstützen. Aber ernähren können wir niemanden, das können wir nicht leisten", sagt der Leiter und ergänzt: "Die Nachfrage nimmt stetig zu." Deswegen komme es schon vor, dass es für Bedürftige keine Nahrungsmittel mehr gebe. Manchmal sind die Regale restlos geleert. "Klar ist der Frust groß, wenn die Sachen alle sind. Aber da ist Kommunikation von unserer Seite aus gefragt: In der Regel kann man gut mit den Menschen reden. Passiert ist meinen Leuten bisher nie etwas", sagt er.
Seine Leute sind Bürgerarbeiter wie Irena Riede, Sonja Gscheguschewski, Andrea Schwieger und Manfred Biermann sowie Gabriele Schneider, die sich ehrenamtlich engagiert. Für 30 Stunden werden die Bürgerarbeiter bei der Tafel beschäftigt. Weil sie jeden Ausgabetag da sind, kennen sie die Hilfebedürftigen gut. "Gespräche gibt es öfter. Wir versuchen, den Menschen auch auf der persönlichen Ebene zu begegnen", erzählt Geisheimer. Manchmal bekommen er und seine Mitarbeiter aus Dankbarkeit von den Bedürftigen vor Feiertagen sogar einen gebackenen Kuchen geschenkt - aus den Lebensmitteln, die sie ein paar Tage zuvor von der Tafel erhalten haben.
"Zur Tafel kommen alle möglichen Leistungsempfänger: Junge und Alte, Singles und Familien", sagt Ulrich Geisheimer. In den vergangenen zehn Jahren haben er und seine Mitarbeiter gelernt, dass sich Armut nicht auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen beschränken lässt. Und sie haben mit Sorgenfalten auf der Stirn wahrgenommen, dass immer mehr Menschen zur Tafel kommen. Ihnen ist das Problem Armut nicht nur aus den Nachrichten im Fernsehen bekannt.
Quelle:
Volksstimme Genthin | Erscheinungsdatum 16.11.2011 | Autor: Christopher Kissmann